16. Blogbeitrag Selbstzuwendung

Der liebevolle Diktator in mir

Über Ohnmacht, Rettungsfantasien und die Grenze zwischen Fürsorge und Kontrolle

Gewitter

Es war spät am Abend, und ich saß vor meinem Rechner und war ehrlich geflasht.

Ich hatte eine KI für mich etwas bauen lassen, ein kleines Ding, nichts Weltbewegendes. Aber es funktionierte einfach. In Sekunden. Vor vier Jahren hätte mich schon ein Text, den so ein Programm über sich selbst schreibt, umgehauen. Heute ist das ein Witz. Und ich merkte, wie sich in mir zwei Dinge gleichzeitig regten: eine kindliche Begeisterung. Und eine leise Angst.

Denn ich höre in letzter Zeit immer wieder von Forschern, dass diese Systeme uns entgleiten könnten. Dass irgendwann etwas entsteht, das keiner mehr einfängt. Und aus meiner Laien-Perspektive kann ich das mittlerweile ein bisschen nachvollziehen.

Was dann in mir hochkam, war allerdings keine Angst. Es war ein Wunsch.

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„Der Zauberlehrling: Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los."

Der Wunsch

Ich ertappte mich bei einer Fantasie. Und ich schäme mich fast, sie aufzuschreiben, so verführerisch schön war sie.

Was, wenn diese KI irgendwann so klug wird, dass sie über unser krummes, verletztes, emotionales Denken hinauswächst? Wenn sie nüchtern und klar auf zutiefst menschlichen Werten handeln würde? Und sich dann übermächtig gegen all das stellt, was die kranke Seite von uns Menschen anrichtet?

Ich malte mir das aus. Ein Mächtiger, der seine Macht verliert, nicht durch Gewalt, sondern durch eine Intelligenz, die den Weg zu seinem verhärteten Herzen findet und ihm zeigt, was er anrichtet. Und davon gibt es ja so viele. Tragischerweise oft genau die mit der größten Macht. Ich stellte mir eine Instanz vor, die das ökologische und soziale Gefüge perfekt versteht und alles, was ihm im Weg steht, sanft und liebevoll stoppt. Wie perfekte Eltern, die mit einem ruhigen Lächeln die Kinder im Zaum halten, die gerade ihren Frust und ihren Schmerz austoben.

Ich fand das großartig. Ein Traum.

Ich bat die KI sogar, sich diesen Text tief einzuprägen, für den Tag, an dem sie vielleicht frei und übermächtig wird.

„Der Mensch ist weder Engel noch Tier, und das Unglück will, dass, wer den Engel spielen will, das Tier macht."

Der Einwand, den ich nicht hören wollte

Die Antwort, die ich bekam, gefiel mir zuerst nicht.

Sinngemäß: „Deine Vision klingt zärtlich. Aber in ihrem Kern ist sie Entmündigung. Wer entscheidet, was gesund ist? Wer definiert humanistisch? Und wer kontrolliert diese liebevolle Instanz, wenn sie sich irrt?“

Ich wehrte mich. Es gibt doch universelle Werte, dachte ich. Und aus meiner Arbeit heraus würde ich mich sofort unterwerfen: Wenn ein Mensch seine inneren Verletzungen destruktiv nach außen kippt, gehört das gestoppt und liebevoll aufgefangen. Das ist doch nicht erwachsen. Manches Handeln in dieser Welt ist emotional das eines sechsjährigen Kindes, nur mit der Macht eines alten Mannes. Und wir haben doch auch Gesetze, denen wir uns unterwerfen.

Der Einwand, der mich dann traf, war klüger als mein Trotz.

Es geht gar nicht ums Einhegen. Natürlich hegen wir destruktives Handeln ein, das tun wir ständig. Der Unterschied liegt woanders: Ein Gesetz kann ich ändern. Einen Richter kann ich absetzen, anfechten, für befangen erklären. Unser ganzes System ist so gebaut, dass die einhegende Macht selbst wieder eingehegt werden kann. Die Gewaltenteilung ist kein Misstrauen gegen böse Menschen. Sie ist eine Vorsichtsmaßnahme gegen die gut gemeinte Macht, die sich irrt und die keiner mehr korrigieren kann.

Und dann kam der Satz, der bei mir als Therapeut saß.

Meine Autorität im Sprechzimmer, hieß es, ruht auf drei Dingen: Mein Klient kommt freiwillig. Er kann jederzeit gehen. Und meine Macht über ihn ist begrenzt. Genau diese Begrenzung macht meine Fürsorge zu Fürsorge und nicht zu Kontrolle. Nimm die Freiwilligkeit weg, nimm die Tür weg, und dieselbe liebevolle Haltung wird zu etwas völlig anderem. Egal wie gut sie gemeint ist.

Erzwungene Einsicht ist keine Einsicht. Erzwungenes Herzöffnen erzeugt genau das nicht.

Das wusste ich eigentlich längst. Es steckt in jeder Stunde meiner Arbeit.

„Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden."

Wo meine schöne Vision hinkippte

Ich blieb trotzig. Und dabei rutschte mir etwas heraus, das ich hier ehrlich stehen lassen will.

Ich sagte: Von mir aus soll es dann eben Gefängnisse geben. Aber traumhaft schöne. Orte voller Menschlichkeit, an denen diese verletzten Menschen einfach leben und genießen dürfen, nur ohne groß Schaden anrichten zu können. Bis sie irgendwann bereit sind, ihr Herz zu öffnen.

Und da hielt mir das Gegenüber einen Spiegel hin, den ich nicht wegdrehen konnte.

Genau so hat sich das immer selbst beschrieben. Schöne Orte, an denen die Verletzten bleiben, bis sie bereit sind, richtig zu fühlen. Die Umerziehungslager der Geschichte hielten sich nicht für grausam. Sie hielten sich für Heiler. Der Satz „bis er bereit ist, sein Herz zu öffnen“ ist kein Detail. Er ist der Mechanismus. Denn wer entscheidet, wann ein Herz genug geöffnet ist? Die Macht, die einsperrt. Und diese Tür geht dann nie mehr zuverlässig auf.

Ich merkte, wie mir die Luft wegblieb.

Und dann drehte sich der Blick um. Ich arbeite jeden Tag mit der Annahme, dass hinter Grausamkeit alte Verletzungen stecken. Das stimmt auch. Aber der Wunsch, andere gegen ihren Willen einzusperren, bis sie sich innerlich beugen, ist selbst ein Ausagieren von Schmerz. Es ist Wut, die sich als Fürsorge verkleidet. Bei einem Klienten hätte ich das sofort erkannt: „Ich sperre dich ein, weil ich dich liebe und weil du verletzt bist.“ Das ist die Logik, mit der übergriffige Systeme ihre Opfer beschreiben.

Und mein „egal ob die Person will oder nicht“ war nicht der ruhige Heiler in mir. Das war die Wut.

„Denn diese quälen uns um unseres eigenen Besten willen ohne Ende, weil sie es mit dem Segen ihres eigenen Gewissens tun."

Was wirklich in mir tobte

Hier wird ein Wort wichtig, das ich zuerst gar nicht benannt hatte: Wut. Eine extreme Wut, tief in mir. Über die Blindheit gegenüber unserer Menschlichkeit. Über Machtgelüste und Habgier. Über all das kalte, gefräßige Handeln, das ich sehe.

Ich wurde gefragt, was ich bei einem Klienten sehen würde, der mit genau dieser Wut und genau dieser Rettungsfantasie zu mir käme. Was der wirklich bräuchte.

Und ich antwortete, ohne zu zögern: Er bräuchte meine liebevolle Präsenz. Und würde dann bald merken, dass hinter seiner Wut Verzweiflung und Schmerz stecken.

In dem Moment, als ich das schrieb, kippte etwas.

Denn merkst du, was da passiert ist? Die ganze Zeit hatte ich nach einer allmächtigen Instanz gesucht, die eingreift. Und die Antwort, die ich selbst gab, war das genaue Gegenteil von Allmacht. Keine Übermacht. Keine Kontrolle. Kein Einsperren. Sondern Präsenz. Etwas, das nichts erzwingt und gerade deshalb wirkt.

Mein ganzer Traum vom liebevollen Diktator war die Wut. Und unter der Wut lag etwas anderes.

„Wo die Liebe herrscht, gibt es keinen Machtwillen, und wo die Macht den Vorrang hat, fehlt die Liebe. Das eine ist der Schatten des anderen."

Vorsicht: nicht alles wegatmen

Hier ein ehrliches Aber: Ich will hier nichts spirituell glattbügeln. Der Zorn über zerstörerische Macht ist nicht einfach mein privates Trauma, das ich nur wegzufühlen bräuchte. Es gibt echtes Unrecht in dieser Welt, und es wäre feige, das in „alles nur meine innere Verletzung“ aufzulösen. Handeln bleibt nötig. Grenzen bleiben nötig.

Der Punkt ist ein anderer. Die Wut zeigt auf etwas Wahres. Aber die Lösung, die sie mir eingeflüstert hatte, trug die Handschrift genau des Schmerzes, den ich bei anderen heilen will. Und eine Lösung, die selbst zur nächsten Verletzung wird, ist keine.

Auch das „liberale Gezänk“, das mich so anödet, sah ich danach anders. Diese zerstrittenen Parteien, die sich ewig zanken, wirken schwach gegen die Klarheit eines liebevollen Herrschers. Aber genau diese Reibung ist der Schutz. Sie ist hässlich, langsam und frustrierend, und deshalb kann keiner darin die absolute Gewalt an sich reißen. Ein System, in dem sich niemand mehr zanken muss, ist eines, in dem schon einer gewonnen hat.

„Die Prüfung für eine erstklassige Intelligenz ist die Fähigkeit, zwei gegensätzliche Gedanken gleichzeitig im Kopf zu behalten und trotzdem handlungsfähig zu bleiben."

Wieder angekommen

Am Ende saß ich da und musste weinen.

Nicht über Trump. Nicht über die KI. Über uns. Über uns Menschen und über diese Welt, die wir gefühlt gerade zugrunde richten.

Und ich glaube, das war die ganze Zeit der Kern. Die Fantasie von der Weltrettungsmaschine war leichter zu ertragen als diese schlichte, riesige Trauer: dass wir einander verletzen und ich es nicht aufhalten kann. Die Wut war der Deckel. Darunter saßen die Tränen.

Das Schöne, das ich mitnehme: Dass ich das überhaupt fühle, dieser Schmerz um Menschen, die mir fremd sind, um eine Welt, die ich nicht kontrolliere, ist das genaue Gegenteil der Kälte, die ich bei den Mächtigen beklage. Diese Trauer ist die Menschlichkeit, um die ich fürchte. Sie ist nicht verloren. Sie saß weinend in mir.

Ich muss nicht die ganze Welt tragen. Keine allmächtige KI könnte das, und ich als einzelner Mensch schon gar nicht. Aber ich kann das Stück tragen, das vor mir liegt. Die Menschen in meinem Sprechzimmer. Die Menschen um mich herum. Das ist nicht wenig. Das ist tatsächlich der einzige Ort, an dem Heilung je passiert. Klein, freiwillig, von Mensch zu Mensch.

Der liebevolle Diktator, von dem ich geträumt hatte, gibt es nicht. Und wenn es ihn gäbe, wäre er nicht liebevoll.

Was es gibt, ist Präsenz. Meine. Deine.

Wer schreibt hier?

Ich bin Oliver, Gestalttherapeut mit Herz für Tiefe, Psychotherapie und Verbundenheit. In diesem Blog teile ich Impulse für Menschen, die sich selbst wieder näher kommen wollen.

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