15. Blogbeitrag Selbstzuwendung

Alle genießen ihr Leben, und ich bin nicht dabei

Über die leise Abhängigkeit von äußeren Bedingungen. Und warum Ankommen nicht bedeutet, nichts mehr zu wollen.

Draußen fangen die Bäume an, sich zu schütteln. Ich sitze am Arbeitsplatz und schaue durchs Fenster. Vor mir liegt ein ganzer Tag mit Sonne, warmem Wasser und perfektem Wind zum Surfen, auf den ich die halbe Saison warte. Meine Freunde sind wahrscheinlich schon auf dem See. Ich sehe sie fast vor mir. Wie sie aufs Wasser gehen, wie das Board über die Wellen fliegt, wie sie abends erschöpft-glücklich und durchgeschüttelt zusammensitzen.

Und ich bin hier.

Ich muss ein bisschen ausholen, damit das seine ganze Ungerechtigkeit entfaltet. Ich hatte mir diesen Montag freigeschaufelt. Aufwendig, mit schlechtem Gewissen gegenüber allen, die mich vertreten müssen. Für die Vorhersage war das ein Geschenk: Wind von Sonntag bis Dienstag, und der Montag mittendrin frei. Dann drehte die Vorhersage. Und wie es der Zufall so hinbekommt, bläst es jetzt am Sonntag und am Dienstag wie verrückt, also an meinen Arbeitstagen, und am Montag, meinem freien Tag, ist ein Windloch. Genau der eine Tag, den ich mir mühsam herausgebrochen habe, ist tot.

Heute früh, bevor ich losmusste, ging es mir richtig schlecht damit.

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„Es gibt an sich nichts Gutes oder Schlechtes, das Denken macht es erst dazu.“

Die Rechnung, die ich mir selbst aufmache

Ich will das nicht schönreden. Es kamen genau die Gedanken, für die ich mich hinterher ein bisschen schäme: dass mein Leben so schwer und kompliziert ist. Dass es ungerecht ist, sonntags auch noch arbeiten zu müssen. Dass ich am liebsten aussteigen würde, einfach genießen, nicht ständig kämpfen. Ich tat mir richtig leid.

Und gleichzeitig, dieses Gleichzeitig kenne ich gut, konnte ich sehen, dass das Jammern auf ziemlich hohem Niveau ist. Andere Menschen haben echte Sorgen. Das hier sind Luxusprobleme. Das eine löschte das andere nicht aus. Beides war da: der echte Schmerz und das Wissen, wie klein er im großen Bild ist.

Irgendwo auf dem Weg zur Arbeit ist mir dann aufgefallen, worum es eigentlich geht. Mein ganzes Glück an diesem Morgen hing an einer einzigen Bedingung, an einer, die ich nicht mal ansatzweise in der Hand habe: dem Wind. Genauer gesagt an einer stillen Rechnung, die ich mir selbst aufmache, ohne sie je laut auszusprechen:

Ich bin glücklich, wenn Wind zum Surfen ist.
Wenn ich dabei sein darf. Wenn das Außen mitspielt.

Und wenn nicht, dann eben nicht.

Man merkt diese Rechnung im Alltag kaum, weil sie sich oft ausgeht. Meistens ist irgendwas da, worauf man sich freuen kann, worauf man hinlebt. Sichtbar wird sie erst, wenn sie platzt. Wenn der Wind am falschen Tag kommt. Dann steht man da und spürt auf einmal, wie viel Gewicht man auf eine Bedingung gelegt hat, die einem gar nicht gehört.

Und das Härteste an diesem Morgen war ein bestimmtes Gefühl darunter. Es war nicht nur Enttäuschung. Es war ein Gefühl von Ausgeschlossensein. Alle feiern das Leben, und ich darf nicht dabei sein. Das fühlt sich überraschend schlimm an, viel größer, als ein verpasster Tag auf dem Wasser es rechtfertigen würde.

„Wir sind nicht unglücklich, weil uns etwas fehlt, sondern weil wir glauben, dass uns etwas fehlt, um glücklich sein zu können.“

Der Moment, in dem ich mich erinnere

Das ging so bis hierher, bis an den Arbeitsplatz. Es tat weh, ich war traurig, und ich musste mich regelrecht zum Arbeiten zwingen.

Und irgendwann kam der Moment, in dem ich mich an das erinnerte, worüber ich sonst schreibe. An Selbstzuwendung. Nicht als Technik, eher als ein „Ach ja, ich könnte auch anders mit mir umgehen.“

Ich habe also diesen leidenden Teil in mir bewusst wahrgenommen. Ich habe ihn nicht weggeschoben und nicht mit Vernunft zugedeckt („stell dich nicht so an, das sind Luxusprobleme“), sondern ihm zugehört. Ich habe mir eine Hand aufs Herz gelegt und diese Traurigkeit in die Arme genommen. Es war Traurigkeit, ja, und dieses Ausgeschlossensein. Der Teil, der nicht dabei sein darf, während alle draußen feiern.

Und dann passierte etwas, das ich immer wieder unterschätze, obwohl ich es kenne.

Ich bekam Abstand zu dem Leiden. Nicht, weil es verschwand, sondern weil ich es plötzlich anschauen konnte. Aus etwas Liebevollem und Neutralem heraus. Als wäre da auf einmal jemand, der den traurigen Teil hält, statt selbst der traurige Teil zu sein. Und der Körper machte mit. Es wurde ruhiger, weicher, weiter. Das Enge löste sich ein Stück.

In diesem Abstand wurde mir etwas sehr deutlich: wie sehr sich dieser Teil in mir von der Welt da draußen abhängig macht. Wie er sein Wohl an Bedingungen knüpft, die kommen und gehen, wie sie wollen. Der Wind. Das Dabeisein. Das Gefeierte.

„Schenke dem Schmerz Raum, und der Schmerz wird dir Raum schenken.“

Warum das kein Willensakt ist

Ein kurzer Blick unter die Haube, weil mich das fachlich interessiert und weil es erklärt, warum „reiß dich zusammen“ hier nie funktioniert.

Der Teil, der da so verzweifelt am äußeren Glück hängt, ist meistens ein junger Teil. Einer, der früh gelernt hat, dass das eigene Wohl von Bedingungen abhängt: davon, dass draußen etwas stimmt, dass man dazugehört, dass man mitmachen darf. So ein Teil rechnet nicht. Er fühlt einfach: Wenn ich jetzt nicht dabei bin, ist etwas grundlegend nicht in Ordnung. Deshalb hilft ein Argument nicht. Man kann einem jungen, erschrockenen Teil nicht ausreden, dass er sich ausgeschlossen fühlt. Man kann ihn nur halten.

Und genau das ist in diesem Moment am Arbeitsplatz passiert. Nichts Bombastisches. Ich habe diesem Teil das gegeben, was er von draußen erwartet hatte: ein „ich bin da, das ist viel, und es ist okay“. Nur eben von innen. Und sobald er das bekommt, muss das Außen nicht mehr stimmen, damit es mir gut geht.

Das Verrückte daran ist, dass dann ein Zustand entsteht, der sich anfühlt wie Ankommen. Wie tiefe Geborgenheit. Wie Zufriedenheit ohne Grund. Der Zwang, im Außen zu erreichen, zu machen, zu kämpfen, hört auf. Nicht durch Anstrengung, sondern weil er auf einmal ins Leere greift. Ich bin schon da. Ich bin schon im Glück.

Das wird mir seit heute Morgen klarer und klarer: Dieses Ankommen ist genau das, was ich durch die ganze Jagd nach draußen eigentlich erreichen will. Der Wind, der See, das Dabeisein sind alles nur Wege zu einem inneren Zustand. Und dieser Zustand war die ganze Zeit auch ohne den Umweg erreichbar. Am Arbeitsplatz. An einem Ort ohne Wind.

„Warum wanderst du von Raum zu Raum, um die Diamantkette zu suchen, die schon die ganze Zeit um deinen Hals liegt?“

Wo es kippen könnte

Hier muss ich aufpassen, dass das nicht in die falsche Richtung rutscht. Denn so, wie ich es gerade beschrieben habe, klingt es gefährlich nach einer Weisheit, die ich überhaupt nicht meine: Mach dich von nichts mehr abhängig, dann kann dich nichts mehr verletzen. Werde innerlich zum Mönch, der nichts mehr braucht, und du bist frei.

So war es nicht. Und ehrlich gesagt wäre das nur die nächste Rechnung, bloß eine spirituell verkleidete. „Ich brauche nichts mehr“ ist auch eine Bedingung. Wer sich das Wollen abtrainiert, um nicht mehr verletzbar zu sein, hat sich nicht befreit. Er hat sich nur taub gemacht.

Ich will den Wind. Ich liebe das Surfen. Ich will mit meinen Freunden erschöpft-glücklich am See sitzen. Nichts davon soll kleiner werden. Ich will das Leben feiern und nicht danebenstehen und es weise finden, dass ich es nicht brauche.

Der Unterschied ist fein, aber er ist entscheidend. Ankommen heißt nicht, aufzuhören zu wollen. Es heißt, mein grundsätzliches Befinden nicht mehr davon abhängig zu machen, ob ich kriege, was ich will. Ich darf traurig sein, dass ich heute nicht auf dem Wasser bin. Die Traurigkeit gehört dazu, sie ist der Preis dafür, dass mir etwas wirklich etwas bedeutet. Und ich muss trotzdem nicht daran zerbrechen. Beides zusammen.

Woran man den Unterschied merkt, glaube ich: Echte Zuwendung berührt den Schmerz zuerst und wird dann weit. Das kalte „ich brauche das eh nicht“ überspringt den Schmerz. Bei mir am Arbeitsplatz war die Reihenfolge klar. Erst die Traurigkeit ernst nehmen, sie halten, und daraus wurde die Weite. Nicht vorbei am Schmerz, sondern durch ihn hindurch. Als ich weit wurde, hatte ich das Surfen nicht abgeschrieben. Ich hatte nur aufgehört, mein ganzes Heute daran zu hängen.

„Gleichgültigkeit ist nicht die Kunst des Lebens. Wer nichts mehr will, um nicht zu leiden, hat nicht den Schmerz besiegt, sondern das Leben.“

Wieder am Fenster

Draußen schütteln sich die Bäume immer noch. Am See ist bester Wind, und meine Freunde sind da draußen. Nichts davon hat sich geändert.

Verändert hat sich nur, wer hier am Fenster sitzt. Es ist nicht mehr der, der sich ausgeschlossen fühlt vom Fest des Lebens. Es ist einer, der hier sein kann. Einer, der sogar, wenn ich ehrlich bin, eine leise Freude für die anderen da draußen spürt. Und der weiß: Bald ist auch wieder Wind. Dann stehe ich selbst auf dem Wasser. Und ich vermute, ich werde es sogar mehr genießen, nicht weniger. Weil ich nicht mit der ganzen Wucht eines Ertrinkenden daran hänge, sondern es einfach feiern kann, wenn es da ist.

Vielleicht ist das die eigentliche Freiheit. Nicht, nichts mehr zu wollen, sondern so voll wollen zu dürfen, dass man es sich sogar leisten kann, mal nicht dabei zu sein.

Eine Frage, die du vielleicht mitnehmen kannst, wenn dir das nächste Mal etwas durch die Finger geht, auf das du dich gefreut hattest:

Woran hängt gerade dein „dann bin ich glücklich“? Und was wäre, wenn du dem Teil in dir, der sich ausgeschlossen fühlt, einfach zuhörst, statt ihm recht zu geben oder dagegen zu argumentieren?

Wer schreibt hier?

Ich bin Oliver, Gestalttherapeut mit Herz für Tiefe, Psychotherapie und Verbundenheit. In diesem Blog teile ich Impulse für Menschen, die sich selbst wieder näher kommen wollen.

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