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Abenteuer oder Geborgenheit? – Warum wir beides brauchen, um lebendig zu bleiben

Zur Hölle mit der Selbstzuwendung!

Im Moment könnte ich das ganze Projekt am liebsten zum Mond schießen. Lass mich bloß in Ruhe mit Selbstzuwendung!
Die Sonne scheint, das Leben pulsiert, die Menschen sind draußen, spielen und genießen das sprudelnde Leben. Ich kann mich jetzt einfach nicht hinsetzen und still werden. In mir sprudelt es – ich will leben, mich mitreißen lassen, Abenteuer erleben.
Ich will nicht brav und still sein, sondern laut und frech, die Lebensfreude explodieren lassen.
Ist mein Projekt vielleicht zum Scheitern verurteilt?
War das Thema Selbstzuwendung nur eine kurze Phase, in der ich mal innerlich ruhig war und Einkehr für mich Sinn machte?

"Leben – das ist das Allerseltenste in der Welt, die meisten Menschen existieren nur."

Gerade fühlt sich Selbstzuwendung, innere Einkehr, still werden für mich an wie Vereinsamung oder Depression.
Ich sehne mich nach Verbundenheit, nach Kontakt, will mich ins Leben stürzen, mich vielleicht sogar ein Stück weit verlieren. Warum nicht einfach Spaß haben?
Irgendwie wirkt Selbstzuwendung gerade so eng, so brav, so eingesperrt. Und wenn ich ganz tief hineinspüre, fühlt es sich sehr jung an.
Es ist interessant, wie kindlich das Ganze wirkt. Mein Widerstand gegen Selbstzuwendung hat etwas Trotziges, wie bei einem Kind, das folgen soll.
Sind diese Phasen – mal mehr Selbstzuwendung, mal das Feiern des Abenteuers Lebens – vielleicht zwei tiefe innere Zustände?
Ein Mensch, der auf die Welt kommt, braucht zunächst viel Zuwendung, Sicherheit, Geborgenheit und Nähe. Wenn er all das ausreichend bekommt und er mehr und mehr lernt, sich fortzubewegen, erwacht irgendwann die Neugier auf die Welt da draußen. Das Kind beginnt, seinen sicheren Ort bei Mama oder Papa zu verlassen und kleine Abenteuer zu erleben.
Doch irgendwann ist genug mit Abenteuer, und es braucht wieder Ruhe, Sicherheit, Geborgenheit und Zuwendung.
Was, wenn diese frühen Zustände – diese ersten tiefen Bedürfnisse – immer noch in uns aktiv sind? Was, wenn wir manchmal das Abenteuer suchen und manchmal Geborgenheit, Selbstzuwendung und Ruhe brauchen?

„Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“

Zwischen Geborgenheit und Abenteuerlust: Warum Selbstzuwendung so schwerfallen kann

Vielleicht ist genau das der Grund, warum es uns so schwerfällt, regelmäßig bei einer Praxis der Selbstzuwendung zu bleiben – sei es Meditation, Achtsamkeit oder einfaches Innehalten.

Sobald wir versuchen, still zu werden, meldet sich nicht nur der Anteil, der sich nach Geborgenheit und innerem Ankommen sehnt. Es taucht oft auch ein sehr junger, lebendiger Teil in uns auf, dem das Nest irgendwann zu eng wird, der hinaus ins Abenteuer, ins Leben und ins Spielen drängt.

Gerade dieser abenteuerlustige, forschende Anteil scheint es manchmal fast unmöglich zu machen, regelmäßig dranzubleiben: Er rebelliert, will nicht „brav“ sein, empfindet das Wiederholen der Praxis als langweilig, einschränkend oder sogar bedrohlich – als müsste er seine Freiheit aufgeben.

Vielleicht geht es bei echter Selbstzuwendung also weniger darum, sich gegen diese inneren Widerstände durchzusetzen, und mehr darum, ihnen zuzuhören und sie liebevoll wahrzunehmen. Was, wenn wir diesen jungen, lebendigen Anteil nicht als Saboteur, sondern als wichtigen Teil unseres inneren Teams sehen?

Regelmäßige Selbstzuwendung könnte dann bedeuten, nicht nur gezwungen still zu werden, sondern auch die Abenteuerlust und die Sehnsucht nach Freiheit einzuladen. Wir könnten diesen inneren „Rebell“ validieren, ihm danken, dass er für Lebendigkeit sorgt.

So wird Selbstzuwendung zu einem Raum, in dem beide Seiten – Geborgenheit und Abenteuerlust – ihren Platz haben. Vielleicht entsteht gerade dadurch eine tiefere, ehrlichere Praxis, die uns nicht einengt, sondern lebendig und flexibel hält.

„Was ist, darf sein, was sein darf, kann sich verändern“

Wieder angekommen

Nach dieser kleinen Inneren Reise merke ich, wie sich mein innerer Druck und der ganze Frust vom Anfang almählich entspannt. Ich habe immer noch große Lust darauf, die Welt da draußen zu genießen und mich ins Abenteuer des Lebens zu stürzen. Gleichzeitig fühle ich mich sehr viel mehr verbunden und irgendwie „vollständiger“. 
Wieder einmal wollte ein Teil von mir, den ich anfangs unbewusst wegdrückte, einfach wahrgenommen werden.
Und jetzt gehe ich spielen…

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