Menschen unter Konsumdruck
Facebook
Twitter
LinkedIn
X

Sehnsucht, Konsum und Selbstzuwendung

Haben wollen

Meine Tochter hat sich ein Labubu bestellt und seit drei Tagen dreht sich in ihrem Kopf ständig alles darum, weil er bis jetzt nicht geliefert wurde. Sie kann mit ihren 11 Jahren noch nicht gut reflektieren, dass sie gerade sehr viel von ihrer Befindlichkeit von diesem Gegenstand abhängig macht. Ich glaube, vielen erwachsenen Menschen geht es ähnlich. Ich kenne das auch, wenn ich mich auf ein Ding einschieße, was ich unbedingt glaube zu brauchen. Manchmal wirkt es wie die ultimative Bereicherung fürs Leben. Wenn ich’s dann habe, wird der Hype schnell weniger. Vermutlich sind diese Konsumgüter strahlende Kompensationen für Bereiche in unserem Inneren. 

Es wäre interessant, genau zu erforschen, was in uns sich da so festklammert und was wir da eigentlich suchen (in dem Konsum).

"Der moderne Mensch ist darauf ausgerichtet, zu haben, zu besitzen, Dinge anzuhäufen. Doch je mehr er besitzt, desto mehr wird er von den Dingen besessen."

Warum wir glauben, das nächste Ding macht uns glücklich

Was passiert da eigentlich in uns, wenn wir uns plötzlich auf ein bestimmtes Objekt einschießen? Wenn das Haben-Wollen so stark wird, dass unser inneres Wetter davon abhängig scheint?

 

Wir projizieren oft unbewusst sehr viel auf ein äußeres Objekt: 

ein neues Gerät, ein Kleidungsstück, ein Erlebnis, ein bestimmtes Spielzeug.

Bei mir ist es aktuell das Wingfoilen, was mich in Kauflaune und ungeduldiges Warten auf die Lieferung versetzt. Ich kenne es aber auch mit einem neuen Smartphone und manchmal mit kleineren Dingen wie neuen Schuhen.
Wenn ich genau hinspüre, wird so ein Artikel zum Träger meiner Hoffnung auf Lebendigkeit, Freude, Bedeutung. Die Dinge bringen mir etwas, was ich innerlich gerade vermisse.

 

Kinder machen das ganz offensichtlich – wie meine Tochter, die kaum noch an etwas anderes denken kann, als an ihr bestelltes Laboobo. Aber wenn wir ehrlich sind: Auch wir Erwachsenen erleben das. Wir glauben, das neue Handy, die neue Kamera, das Coachingprogramm, der besondere Urlaub oder das Paar Schuhe wird etwas in uns lösen, das Leben ganz anders machen. 

Und manchmal tut es das – aber eben meist nur kurz.

„Wer nach außen schaut, träumt; wer nach innen blickt, erwacht.“

Warum hält das Glück immer nur so kurz?

Vermutlich liegen darunter viel tiefere Bedürfnisse, die durch einen Gegenstand im Außen gar nicht erreicht bzw. befriedigt werden können:
Eine tiefe Sehnsucht nach Lebendigkeit, nach Neuem im Sinne von Ausbruch aus alten Strukturen, nach dem Gefühl von Erfüllung. Oder – ganz simpel – ein Versuch, dem Unbehagen mit dem Alten, dem Jetzt, der inneren Langeweile oder sogar Leere zu entkommen.


Durch einen Gegenstand projezieren wir dann die Erfüllung dieser Bedürfnisse nach Außen und merken kurz darauf (eher unbewusst), dass nichts im Inneren in der Tiefe berührt wurde. Und weiter geht´s mit neuen Wünschen…

Man könnte sogar so weit gehen und ganze Lebensentwürfe basierend auf diesem Muster einordnen. Der Wunsch, die nächste Karrierestufe zu erreichen, die nächste Beförderung, diesen und jenen Erfolg zu erzielen kann der Versuch sein, ein inneres Defizit im Außen zu kompensieren. 


Verstehe mich nicht falsch: Es ist natürlich ganz legitim und auch plausibel, bessere Berufschanchen und ein besseres Gehalt zu haben.
Problematisch wird es allerdings dann, wenn wir versuchen, vor inneren Schwierigkeiten wie z.B. einem Selbstwertproblem durch eine steile Karriere davonzulaufen. 

Das Selbstwertproblem wird sehr wahrscheinlich bleiben und wir arbeiten uns im Außen in den Burnout.

„Radikale Akzeptanz ist die Bereitschaft, uns selbst und unser Leben so zu erfahren, wie es ist. Ein Moment radikaler Akzeptanz ist ein Moment wirklicher Freiheit.“

Mutiger Richtungswechsel

Man kann es sich so vorstellen:
Wir Menschen sind in den allermeisten Fällen so gestrickt, dass wir unseren Fokus nach Außen wenden, wenn im inneren unangenehme Gefühle auftauchen. Im Außen finden wir dann entweder Sündenböcke, die wir stellvertretend bekämpfen können, oder wir finden Lösungsmöglichkeiten, die wir stellvertretend versuchen, zu erlangen. Was genau hinter diesem Mechanismus steckt, werde ich in einem weiteren Beitrag genauer herausarbeiten.


Jedenfalls ist eine Möglichkeit, aus dem Hamsterrad von kurzfristigen Befriedigungen herauszukommen Selbstzuwendung :-).


Wenn es uns gelingt, in Momenten von Kaufdrang, Schau-Drang (Serien, Shorts usw.) oder Konsumdruck innezuhalten und uns spüren lassen, was da eigentlich in uns drängt, müssen wir dem Handlungsdruck nicht zwingend nachgeben. Wir können dann versuchen, einen möglichst offenen, liebevollen und neugierigen Raum in uns zu halten, in dem wir die unangenehmen Gefühle erforschen, sie innerlich einladen und vielleicht in den Arm nehmen. 


Oftmals hilft es, sich die schwierigen Gefühle wie Persönlichkeiten, im besten Fall wie innere Kinder vorzustellen, denen es genau so geht, wie sich das Gefühl zeigt. 
Das, was kleinen Kinder brauchen, wenn sie in innerer Not sind ist meist Zuwendung und liebevoller Halt – und genau so funktioniert es meist mit unseren Gefühlen. 

Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.

Nochmal der innere Richtungswechsel in Kurzform:

  • Nimm deinen Handlungsdruck wahr und mach dir bewusst, dass dieser wahrscheinlich eine Flucht vor einem unangenehmen Gefühl ist.

  • Nimm dir einen Moment, um das „Will-haben-Gefühl“ liebevoll zu spüren. Wo sitzt es im Körper?

  • Versuche so neugierig wie möglich zu erforschen, was genau da eigentlich in dir drängt bzw. was hinter dem Haben-Wollen für ein Gefühl steckt.

  • Mache dir bewusst, dass wir lernen können, mit unseren schwierigen Gefühlen umzugehen. Dann wende dich dem Gefühl zu, als würdest du es in dir selbst in den Arm nehmen. 

  • Atme und lass es in der Umarmung schmelzen

Wenn wir diesen Raum betreten, wenn wir uns selbst wieder näherkommen, braucht es manchmal gar nicht mehr das große Neue. Sondern ein ganz kleines, stilles Ja zu dem, was gerade da ist.

Das Ergebnis ist nicht das kurze Feuerwerk einer neuen Sache, sondern ein stetig wachsendes Gefühl von Ankommen und Zufriedenheit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert