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Fließen lassen oder darauf eingehen –

Wie geht man am besten mit schwierigen Emotionen um?

Vor kurzem nahm ich mir wieder Zeit zum Lauschen. Lauschen nach Innen, offen für das was da in mir gehört oder gespürt werden möchte. 
Es war wieder viel los in mir. Nach längerer Zeit merkte ich, wie ich mich verstrickte in den verschiedenen Emotionen und in meinen Gedanken, welche versuchten, damit umzugehen. Ich kam da nicht mehr heraus und es war echt stressig.
Ich erinnerte mich an meine Meditationspraxis. Dabei geht es darum, mit der Aufmerksamkeit immer wieder zu einem Meditationsobjekt zurückzukehren. Das kann der Atem sein, oder Geräusche, oder Körperempfindungen. 
Ich lauschte nach außen und hörte Kuhglocken. Ich versuchte die Klänge der Glocken immer wieder von neuem wahrzunehmen. Es war fantastisch! Was für eine unglaubliche Vielfalt an Klängen es da zu entdecken gibt, wenn man bewusst hinhört. Zwischenrein das Krächzen eines Vogels, dann wieder die verschiedensten Klänge der Glocken. 
Nach einiger Zeit merkte ich, dass die Schwere und der Stress in mir komplett verschwunden war. 
Ich war überrascht und dachte nach:

Achtsamkeit oder Innenschau?

Im Buddhismus wird oft gelehrt, das „Hier und Jetzt“ mit voller Präsenz wahrzunehmen: Den Klang eines Vogelzwitscherns, den Luftzug auf der Haut, den Fluss des Atems. Die Aufmerksamkeit ist dabei nicht auf Gedanken oder Gefühle gerichtet, zumindest nicht in dem Sinne, damit aktiv zu arbeiten. Diese Praxis hilft, aus dem Gedankenkreisen auszusteigen und in einen Zustand innerer Ruhe zu kommen. Doch in der Psychotherapie, vor allem in der Selbstzuwendung oder in Ansätzen wie IFS (Internal Family Systems), scheint das Gegenteil der Fall: Hier geht es darum, genau hinzuschauen, was in mir drängt, drückt, schmerzt und dann auf eine gute Art und Weise damit umzugehen. Im Buddhismus geht man bewusst nicht drauf ein (zumindest in der Vipassana Tradition), sondern nimmt kurz zur Kenntnis und geht dann wieder zum ursprünglichen Meditationsobjekt. In der Psychotherapie arbeitet man aktiv mit den Inhalten. Wie passen diese zwei Wege zusammen?

„The present moment is filled with joy and happiness. If you are attentive, you will see it.“

Achtsamkeit: Der Blick ins Jetzt ohne Geschichte

Die klassische Achtsamkeitspraxis ist radikal gegenwärtig. Sie lehrt uns, die Welt – innen wie außen – als sich wandelnden Strom von Erfahrungen zu betrachten: Gedanken kommen und gehen. Gefühle entstehen und vergehen. Der Atem ist immer da. All das ohne Bewertung, ohne Festhalten, ohne Geschichte.

Diese Form der Praxis kann das sogenannte Default Mode Network im Gehirn beruhigen – ein Netzwerk, das besonders aktiv ist, wenn wir über uns selbst nachdenken, uns mit der Vergangenheit beschäftigen oder Pläne schmieden, das aber auch in Verbindung steht mit Ängsten und depressivem Grübeln. Die Folge: Mehr Klarheit, innere Ruhe, weniger Identifikation mit dem Ich.

Selbstzuwendung: Der Blick in die Tiefe des Ichs

In der Psychotherapie dagegen – insbesondere in achtsamkeitsbasierten und tiefenpsychologisch informierten Methoden wie IFS oder grundsätzlich in liebevoller Selbstzuwendung – wird das „Ich“ nicht als Illusion betrachtet, sondern als Raum für Beziehung: zwischen einem mitfühlenden inneren Beobachter und verletzten oder vernachlässigten Anteilen.

Hier geht es nicht darum, das Denken abzustellen, sondern es zu erforschen: Welche Geschichten erzähle ich mir? Welche Gefühle sind da? Welche inneren Stimmen melden sich? Der Fokus liegt auf der liebevollen Zuwendung zu dem, was in mir lebendig ist – gerade auch, wenn es unangenehm ist.

Der scheinbare Widerspruch

Diese beiden Ansätze könnten kaum unterschiedlicher wirken:

  • Achtsamkeit will das „Ich“ transzendieren.

  • Psychotherapie will das „Ich“ verstehen und heilen.

Doch ist das wirklich ein Widerspruch? Oder zwei sich ergänzende Bewegungen?

„Achtsamkeit erkennt, was geschieht. Selbstmitgefühl hält es mit einem liebevollen Herzen.“

Im Auge des Hurricans

Achtsamkeit als sicherer Ort für Expeditionen in emotionale Tiefen

Achtsamkeit schafft einen Boden: Sie stabilisiert, beruhigt, erweitert den inneren Raum. Ohne diesen Boden kann Selbstzuwendung schnell zu Überflutung oder Wiederholung alter Muster werden.

 

Das passt zu einem zentralen Element sowohl in der Achtsamkeit als auch in vielen therapeutischen Ansätzen wie IFS:  Der innere Beobachter. Das ist jener Zustand in uns, der nicht mit den Gedanken oder Gefühlen identifiziert ist, sondern sie wahrnehmen kann, ohne sich in ihnen zu verlieren. In IFS wird dieser innere Zustand als „Self“ bezeichnet: ein innerer Ort von Klarheit, Mitgefühl, Ruhe und Neugier. Er ist nicht wertend, nicht verstrickt, sondern präsent. Das Verweilen in diesem Beobachter ermöglicht es, auch schwierigen inneren Anteilen liebevoll zu begegnen, ohne überflutet zu werden. Nur so entsteht Raum – für Wahrnehmung, Beziehung und letztlich für Heilung.

 

Selbstzuwendung bringt emotionale Tiefe: Sie führt uns an verwundete Orte, die Heilung brauchen. Ohne diese Tiefe bleibt Achtsamkeit manchmal flach, wie ein stilles Beobachten ohne Berührung.

Wahrscheinlich ist die Kombination förderlich:

 

  • Für innere Heilung ist es eine wichtige Fähigkeit, in den Inneren Beobachter zu finden. Einfach nur zu atmen, Töne zu hören, sich im Moment zu verankern, liebevoll und neugierig wahrzunehmen.

  • Gleichzeitig ist es manchmal nötig, sich schmerzhaften oder ungewollten inneren Bereichen zuzuwenden, den verletzten inneren Kindern zuzuhören, die liebevolle Aufmerksamkeit brauchen.

„The ability to be present with and not reactive to our internal experience is the foundation of integration and healing.“

Nicht entweder oder, sondern sowohl als auch!

Innere Entwicklung braucht beides:

  • Die stille Präsenz, die uns mit Abstand und Ruhe auf die Schwierigkeiten blicken lässt.

  • Die mutige Zuwendung, die uns ermöglicht, unsere Geschichte zu heilen.

Achtsamkeit ist der Raum. Selbstzuwendung ist die Beziehung. In der Verbindung von beidem liegt ein Weg zu innerem Frieden.

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