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Wie der Verstand uns zu schützen versucht – und uns dabei von uns selbst entfernt

In den letzten Tagen habe ich mir Zeit genommen für mich. Für viel Selbstzuwendung. Möglichst wenig Scrollen, wenig Optimieren, kein neues To-Do – sondern einfach sitzen, lauschen, spüren.

Ich war draußen in der Natur, an einem wunderbaren Ort, keine Menschen, nur Vögel, Grillen und Kuhglocken. Und dort beim still sitzen wurde schnell deutlich: In mir war viel los. Eine feste Schwere im Solarplexus. Traurigkeit. Alte, tiefe Traurigkeit.

Was mir besonders auffiel, war zu beobachten, wie mein Verstand in diesem Moment reagierte: Er wollte mich wegführen. Zu Alltagsthemen, zu scheinbar wichtigen Gedanken über Dinge, die zu erledigen sind. Oder darüber, warum ich mich gerade so fühle. Er versuchte Sinn zu machen – und damit Kontrolle zu behalten.

„Feel the feelings. Drop the story.“

Doch jedes Mal, wenn ich diesen Gedankenspuren nicht folgte, wurde die Traurigkeit deutlicher. Lebendiger. Und ich konnte ihr Raum geben, mit ihr in Kontakt gehen und sie annehmen lernen.

Ich erkannte: Mein Verstand wollte mich nicht sabotieren – er wollte mich schützen. Vor dem Gefühl. Vor der Tiefe. Vor dem Schmerz, der keine klare Ursache hat. Der nicht „weggeht“, wenn man eine E-Mail schreibt oder ein Problem löst.

Und gleichzeitig verhinderte genau dieser Schutzmechanismus, dass ich mit dem in Kontakt komme, was wirklich wahrgenommen und gespürt werden will.

Ich beobachtete, wie der Verstand versuchte, der Traurigkeit eine aktuelle Ursache zu geben. Eine Geschichte. Ein Narrativ. So, als würde alles gut werden, wenn man nur die Gründe weiß. Als könnte man die Traurigkeit beseitigen, wenn man diese Gründe im Außen verändert. Doch in diesem Fall wirkte die Wurzel tiefer. Viel tiefer. Vielleicht so alt wie ich selbst.

„The wound is the place where the Light enters you.“

Wenn ich kein Narrativ festlegte, konnte ich der Traurigkeit wirklich begegnen. Ohne Umweg. Ohne Umdeutung. Einfach da sein mit ihr. Und plötzlich war da ein Gefühl von Kontakt. Von Sanftheit. Von Frieden.

Ich glaube, das tun wir oft:
Wir kleiden alte Schmerzen in neue Geschichten.
Wir finden Sündenböcke im Außen.
Wir denken: Wenn der andere sich ändern würde, wenn ich dieses Ziel erreicht hätte, wenn endlich Ruhe einkehren würde… dann würde es mir besser gehen.

Doch der Schmerz bleibt.
Weil er in der Tiefe nichts mit aktuellen Ereignissen zu tun hat.
Weil er direkt wahrgenommen und gehalten werden mag. 

Und wenn wir diesen Weg gehen – bewusst, sanft, ehrlich –, dann passiert manchmal etwas ganz Einfaches und Wunderschönes:
Die Traurigkeit beruhigt sich.
Wie ein Kind, das getröstet wurde.
Das letzte Tränchen kullert – und dann blinzelt es wieder in die Welt.

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