Neulich bin ich auf einen Gedanken gestoßen, der mich nicht mehr loslässt. Er verbindet zwei Welten, die auf den ersten Blick weit auseinanderzuliegen scheinen: Die uralte Weisheit des Tibetischen Totenbuchs (Bardo Thödol) und die ganz konkrete, oft schweißtreibende Arbeit mit unseren Emotionen in der modernen Psychotherapie.
Es ist einer dieser Aha – Momente, in denen sich der Kreis zwischen anfangs scheinbar unabhängigen Philosophien schließt.
„Wir brauchen eine Psychologie, die den Geist des Ostens mit der Weisheit des Westens verbindet, um das Herz wirklich zu heilen.“
— Jack Kornfield Tweet
Im Tibetischen Totenbuch – und sehr spannend interpretiert in den 60ern von Timothy Leary in Bezug auf psychedelische Erfahrungen – wird der Moment des Todes (oder des Ich-Verlusts) auf eine faszinierende Weise beschrieben.
Es heißt, dass im ersten Moment des Übergangs das „klare Urlicht“ auftaucht. Es ist die absolute Wahrheit. Die reine Essenz. Pures, strahlendes Bewusstsein. Klingt erstmal fantastisch.
Aber es gibt einen Haken: Der Mensch, der nicht darauf vorbereitet ist – derjenige, der sein Leben lang an seinen Konzepten, Ängsten und dem Ego festgehalten hat – erschrickt vor dieser Helligkeit. Das Licht oder die Energie oder die Intensität ist zu stark. Es ist zu „wahr“. Und weil der unvorbereitete Geist diese Intensität nicht halten kann, wendet er sich tief erschrocken ab. Er flieht.
Wohin flieht er? In die sogenannten Bardo-Zustände. In traumartige Welten, in Illusionen, zurück in den Kreislauf des Werdens. Hauptsache weg von dieser überwältigenden Klarheit vor dieser unglaublichen Energie, hinein in etwas, das gedimmter ist. Etwas, das bekannter wirkt.
Das war für mich bisher immer sehr schwer verständlich. Warum sollen wir erschrecken und fliehen vor so etwas fantastischem wie der Urquelle allen Seins oder dem strahlenden Bewusstsein?
Mir wurde durch eine schwierige Phase, in der ich die letzten Tage war, irgendwie klarer, was vielleicht gemeint ist. Durch ziemlich intensive Selbsterfahrungsprozesse fühlte ich mich emotional immer tauber, abgeschnitten, unlebendig und depressiv. Der Zustand war höchst unangenehm. Irgendwie voller Spannung, gleichzeitig aber niedergeschlagen und dumpf im Geist.
Erst nach einiger Zeit brachen, durch Umstände im Außen, einige emotionale Muster in mir auf und ich war konfrontiert mit tiefer Traurigkeit, die endlich ins Fließen kam.
Im Nachhinein erst wurde mir bewusst, dass diese Traurigkeit die ganze Zeit knapp unter meiner Bewusstseinsschwelle gewartet hatte. Und ich war nicht bereit, sie zu spüren, ihr mit ihrer vollen Intensität und Lebendigkeit zu begegnen. Stattdessen machte ich mich taub, schnitt mich innerlich vom Erleben ab und schaute frustriert in die Welt hinaus. Das ganze passierte natürlich nicht bewusst.
Als ich die Traurigkeit durchlebte, fühlte ich mich endlich wieder verbunden. Ich fühlte das Leben extrem intensiv, fühlte mich lebendig und war wieder sehr klar.
In ihrer reinen Form ist diese Emotion vielleicht vergleichbar mit dem „Urlicht“. Sie ist pure Lebensenergie. Sie ist Wahrheit. Sie kommt direkt aus dem Kern unseres Seins und will gefühlt werden.
Aber was passiert, wenn wir – ähnlich wie der unvorbereitete Geist im Bardo – keine Kapazität dafür haben? Wenn unser Nervensystem nie gelernt hat, diese Voltzahl an Energie zu halten?
Wir erschrecken. Unbewusst und blitzschnell signalisiert unser System: Gefahr! Zu viel! Überflutung!
Und genau wie im Bardo wenden wir uns ab. Wir „machen zu“.
Das Resultat dieses Abwendens ist das, was wir oft als Dissoziation oder emotionale Taubheit kennen. Wir landen in unserem eigenen, psychologischen Bardo.
Es ist ein „eingetrübter“ Zustand. Man funktioniert zwar weiter, man geht zur Arbeit, man führt Gespräche – aber es ist, als läge ein feiner grauer Schleier über der Welt. Die Farben sind nicht mehr ganz so bunt. Das Lachen erreicht nicht mehr den Bauch. Der Schmerz ist zwar weg gedrückt, aber mit ihm ist auch die Tiefe des Lebens verschwunden.
Wir leben dann wie in Watte gepackt. Dieser Zustand ist zwar sicher (weil uns das grelle Licht der Emotion nicht mehr zu verbrennen droht), aber er ist zutiefst unbefriedigend. Er trennt uns vom pulsierenden Leben, von unserer ureigenen Lebendigkeit.
Das Tragische daran ist: Wenn wir lange genug in diesem „Nebel“ leben, vergessen wir, dass es das Licht überhaupt gibt. Wir halten den gedimmten Zustand für die Realität. Wir richten uns im Bardo ein, weil wir nichts anderes kennen.
„Wir können Gefühle nicht selektiv betäuben. Wenn wir die schwierigen Gefühle betäuben, betäuben wir auch die Freude, die Dankbarkeit und das Glück.“
— Brené Brown Tweet
Die Tibeter sagen: Du musst das Sterben üben, damit du im Moment der Wahrheit nicht wegschaust. Übertragen auf unsere Emotionen würde ich sagen: Wir müssen das Fühlen üben, damit wir uns nicht von unserem Leben abwenden.
Heilung bedeutet in diesem Sinne nicht, dass wir uns nur noch „gut“ fühlen wollen. Es bedeutet, dass wir Kapazität aufbauen. Wir müssen unser inneres Gefäß erweitern, damit wir das „klare Urlicht“ unserer Emotionen halten können, ohne zu zerspringen.
Wenn Wut aufsteigt, nicht sofort zu deckeln oder zu agieren, sondern die Hitze zu spüren. Wenn Trauer kommt, nicht sofort abzulenken, sondern die Welle durch den Körper rollen zu lassen.
Das ist keine intellektuelle Aufgabe. Es ist eine körperliche. Es ist das Training des Nervensystems, höhere Ladungen an Energie zu tolerieren.
„Lass dir alles geschehen: Schönheit und Schrecken. Man muss nur gehen: Kein Gefühl ist das fernste.“
— Rainer Maria Rilke Tweet
Vielleicht ist das die wichtigste Aufgabe unserer Zeit: Den Schleier zu lüften. Zu erkennen, dass das, wovor wir uns am meisten fürchten – unsere eigene Intensität, unsere eigene Tiefe – genau das ist, was uns erlösen würde.
Jedes Mal, wenn du innehältst und ein unangenehmes Gefühl wirklich da sein lässt, ohne dich abzuwenden, übst du für den Ernstfall. Du blickst für eine Sekunde in das Urlicht und bleibst stehen. Und Stück für Stück lichtet sich der Nebel. Das pulsierende Leben kehrt zurück. Und plötzlich merkst du: Du musst dich nicht mehr betäuben, um sicher zu sein. Du bist stark genug, um die Wahrheit zu fühlen.

Ich bin Oliver, Gestalttherapeut mit Herz für Tiefe, Psychotherapie und Verbundenheit. In diesem Blog teile ich Impulse für Menschen, die sich selbst wieder näher kommen wollen.
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